Ich und hier. – Eine Kurzgeschichte

Es riecht nach Regen und Herbst. Der Himmel ist von dunklen Wolken bedeckt, nur an einzelnen Punkten schaut ein klarer blauer Himmel durch die Wolkendecke. Himmelstore. Das hat ein Freund einmal gesagt. Blaue Flecken an einem bewölkten Himmel. Oder Löcher durch die der Flickenteppich der untersten Etage sichtbar wird, wo man Häuser, Wege, Felder erahnen kann. Es ist eine Frage des Blickwinkels, der Perspektive. Wo man steht. Wer man ist.

Tausende Regentropfen fallen auf Dächer, Gärten, Straßen. Tropfen, die erst sichtbar werden, wenn sie auf der Erde aufschlagen. Sie springen als sie den Asphalt berühren. Fast als würden sie versuchen wieder hinauf zu gelangen. Hinauf in den Himmel, wo sie fliegen konnten, wo sie substanzlos waren, ohne die Form, die sie nun gefangen hält.

Wasser läuft den Rinnstein entlang, sammelt sich in Pfützen vor überanstrengten Gullydeckeln. Hier tanzen sie ein wenig, werden zu wellenden Ringen, bevor sie in der Nässe verschwinden. Nicht für immer gefangen. Ich höre die Tropfen auf meinem Anorak, fühle sie auf meinen Schultern. Fühle wie die dünne Wasserschicht, die den Weg bedeckt meinen Füßen ausweicht. Spüre den Luftdruck in meinen Ohren. Eine Katze schaut aus einer Katzenklappe, schiebt vorsichtig ihr Köpfchen raus und setzt prüfend eine Pfote vor die Tür. Einen kurzen Augenblick glaube ich, sie schaut mich an.

Schnecken in vielen verschiedenen Größen bewegen sich mit einer beachtlichen Geschwindigkeit, über den Bürgersteig. Auch wenn ich fast glaube, dass es egal sein kann, achte ich darauf, wo meine Füße den Boden berühren. Ich beginne mich daran zu gewöhnen hier zu sein. Der knirschende Laut von Schneckenhäusern zwischen Schuhen und Gehweg ist der schrecklichste von allen. Es ist das Geräusch eines schlechten Gewissens.

Ein glänzender Jeep kommt die Straße entlang. Der Motor übertönt das stille Summen der Stadt. Wasser spritzt hoch, flieht vor den schwarzen Reifen, glitzert in den Lichtern des Wagens. Es ist erst Mittag und trotzdem ist es nicht mehr richtig hell. Ich rieche den warmen Motor, fühle die leichten Vibrationen. Ein Junge springt aus dem Auto, guckt sich nicht um, winkt nicht. Er hüpft über eine Pfütze und beeilt sich unter das Vordach des nächsten Hauses. Hier schüttelt er den Kopf so, dass Wassertropfen von seinem halblangen, hellen Haaren zu allen Seiten davon fliegen. Als die Tür von innen geöffnet wird, grinst er breit und stürmt in die Wohnung. Ich gehe ihm nach. Das erste Mal das ich in ein Haus ging, wie ich jetzt bin, fühlte ich mich merkwürdig nackt. Ich spürte ihre Blicke obwohl ich wusste, dass es nicht real war. Aber das hatte ich immer getan. Immer, immer. Und trotzdem ist es jetzt anders. Obwohl sie immer noch an mir vorbeisehen, meine Gegenwart ignorieren, bin ich ihnen jetzt näher. Ich fühle die Welt auf eine neue Art und Weise. Fühle Regentropfen, fühle Nässe, Kälte, Sonne, Wärme. Das Leben. Obwohl ich in meinem Körper gefangen bin, habe ich ein seltsames Gefühl von Freiheit, seit ich hier bin. Die Freiheit zu fühlen. Es irritiert mich und doch beginne ich es zu genießen.

Eine Weile schaue ich der Familie zu, so wie ich schon so vielen Menschen zuvor zugesehen habe, sie essen, der Junge erzählt voller Eifer von seinem Tag, fuchtelt mit den Händen durch die Luft und scheint nicht zu merken, dass seine Eltern ihn kaum beachten. Irgendwann stockt der Junge, hält in seinen Bewegungen inne und verstummt, er guckt auf, guckt zur Tür, in meine Richtung. Ich halte die Luft an. Aber sein Blick ist leer. Ein Blick, der sucht, aber nichts sieht. Trotzdem gehe ich Rückwärts aus dem Raum, aus dem Haus, langsam. Lasse sie in Ruhe, lasse sie für sich sein. Ich hatte nie das Gefühl, dass meine Gegenwart unpassend war bevor dies alles passierte. Ich weiß, dass es keinen Unterschied macht, nicht für sie, aber ich gehe trotzdem.

Zurück auf der Straße höre ich Kinderlachen, Rufe und Tuscheln, so laut, dass ich mir kurz die Ohren zu halte, bevor ich weiter die Straße hinabgehe. Die Geräusche kommen näher. Auf dem Gehweg und der Straße liegen kleine, rote Beeren unter den Bäumen, dessen Blätter langsam anfangen ihre Farbe zu ändern. Ich zucke zusammen, als ein Radfahrer plötzlich neben mir hält, die Bremsen quietschen und stechen in meinen Ohren. Er ruft den Kindern die wie blind über die Straße laufen etwas zu. Sie bemerken ihn nicht einmal.

Der Regen lässt nach, immer mehr Himmelstore erscheinen in der dicken Wolkendecke. Ich rieche den trocknenden Asphalt. Ich spüre die Wärme der Sonne auf meinem Körper, merke wie die Wassertropfen auf meinen Schultern verdunsten und wieder in die Luft emporsteigen. Frei. Ich fühle so intensiv. Sehe alles, höre alles, rieche alles. So unsagbar. Intensiv. Und ich tue nichts anderes.

Ich setze mich auf eine Bank am Rande eines Parks und schließe die Augen. Das leise summen einiger Insekten klingt dicht neben meinem Ohr, ich hole mit der Hand aus um sie zu verscheuchen, weiß, dass es nichts bringt. Und dass sie mir sowieso nichts tun können. Höre das Knirschen von langsamen Schritten auf dem Kiesweg, der Geruch eines alten Menschen steigt mir in die Nase. Ich öffne die Augen und sehe wie der Mann auf die Bank zugeht. Er bleibt dicht vor mir stehen, dreht sich um und setzt sich neben mich, so nah, dass ich seinen Arm an meinem Spüre, seine Hüften an meinen. Sofort zuckt er zusammen, murmelt leise, verwirrt, und rückt von mir ab.

-Verrückt, sagt der Mann, verrückt… Doch er schaut interessiert in meine Richtung und scheint irgendwas zu erkennen. Ein kleines Lächeln taucht in seinem vom Alter gezeichnetem Gesicht auf. Seine Schultern entspannen sich, er lehnt sich zurück. Fast ist mir als schaue er mir direkt in die Augen. Ich senke den Blick.

Ein paar Häuser weiter öffnet sich ein Gatter kurz darauf lautlos und knallt gegen die damit verbundene Mauer. Kinder stürmen auf den Gehweg. Ich kneife die Augenlider aufeinander, halte mir die Ohren zu und öffne meine Augen erst wieder, als ich die beruhigende Stimme des Mannes höre.

– Lebensfreude zeigt sich oft in ihrem ganz besonderen Klang…, gerade bei Kindern…man sollte lernen sie zu hören, anstatt sie als Lärm abzutun. Er lächelt. Ich lächle zurück, obwohl ich mich seltsam naiv fühle.

– Man verlernt viel zu schnell sie zu erkennen, sagt er und steht langsam auf, stütz sich auf seinen Gehstock.

– Opa!, ruft eines der Kinder. Ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen und zerrissenen Hosen, kommt auf uns zu gerannt.

Der alte Mann schaut kurz in meine Richtung, nickt lächelnd und geht dem Mädchen entgegen.

-Ich habe gerade einen Engel getroffen, Spatz, der alte Mann nimmt die Hand seiner Enkelin. Das Kind schaut ihn verwundert an.

– Wirklich?, sagt es und schaut sich mit großen Augen um, schaut durch mich hindurch, bevor sie in der nächsten Seitenstraße verschwinden.

Und doch. Mir ist, als wäre ich hier.

Schreiben

Das Wahlfach aus welchem die letzten zwei Semester meines Bachelors bestehen, nennt sich Skrivekunst, übersetzt heißt das Schreibkunst. Wir haben Unterrichtsfächer wie Textanalyse und Rhetorik, Geschichte und vor allem aber kreatives Schreiben. Dort lernen wir das beste aus unser Kreativität herauszuholen. Wir schreiben Gedichte, Kurzgeschichten, Romanauszüge. Wir lernen mit den Worten umzugehen, an unserem Schreibstil zu arbeiten, lernen zu zeigen anstatt zu erzählen. Lernen Präzision und Kreation, lernen Regeln zu nutzen und Regeln zu brechen. Wir lernen kreativ zu schreiben.

Was dabei raus kommt möchte ich mit euch teilen und habe daher ein paar dieser Texte vom Dänischen ins Deutsche übersetzt. Doch bevor ich diese mit euch teile, möchte ich ein bisschen darüber erzählen. Über die Texte, aber auch über mein Verhältnis zu dem was ich schreibe. Meine Texte sind keinesfalls perfekt, wie gesagt; ich lerne noch und wahrscheinlich lerne ich auch nie aus.

Viele meiner Texte, wenn auch nicht alle, basieren auf Momenten und Erinnerungen aus meinem Leben. Wer mich also ein wenig kennt, dem werden Situationen bekannt vorkommen, der wird sich vielleicht sogar selbst wiederfinden können. Trotzdem handeln die Texte die ich schreibe nicht von mir. Keine Person, die in meinen Texten vorkommt ist mit denen aus meinem Umfeld identisch. Keine Situation hat genauso stattgefunden, wie ich sie in meinen Texten schildere. An meisten inspirieren mich die Interaktionen zwischen Menschen, sei es in Gesprächen, an denen ich selber teilgenommen habe, oder welche die ich nur zufällig oder nebenbei mitbekommen habe. Ein Gespräch, ein einziger Blick, eine kleine Scene, ein Wort. Alltägliche Dinge motivieren mich ihnen eine Geschichte zu geben, in denen manche eine Hauptrolle einnehmen und andere nur ein kleines Stück von etwas ganz anderem werden. Es kann deshalb vorkommen, dass Erinnerungen aus meinem Leben mir als Inspiration dienen und aus diesem Grund in meinem Text vorkommen. Ich dichte diese jedoch weiter, schreibe sie um und verändere sie so, dass sie nicht meine, sondern ihre eigene Geschichte bekommen. Dies gilt auch für die Personen, die in meinen Texten vorkommen, auch wenn manche von ihnen von wirklichen Menschen inspiriert sind, bekommen sie sobald ich sie auf Papier bringe ihre eigene Persönlichkeit, eigene Gedanken, Wünsche und Träume. Nichts von dem was ich schreibe ist somit real. Es ist Fiktion. Und als solche sollte sie auch behandelt werden.

Nun wo ihr das wisst, könnt ihr in meinen nächsten Artikeln ein paar meiner Texte lesen. Ich wünsche euch jetzt schon mal viel Spaß und freue mich über Kommentare und konstruktive Kritik!

Hier schon mal zwei kleine Gedichte:

Ein freier Mann

Ich ging durch den Wald so vor mich hin

Die Nacht – warm und lang.

Der Fluss rauschte,

Der Wind sang.

Oktobers Mond. Versteckt hinter einer Vogelwolke.

Ich sah den Wald,

sah den Mond,

den Fluss.

Sah des Sommers letzte Rose stehen

 

Ein freier Mann.

Wünschte viel,

Träumte oft,

Und ließ die Tür offen, als er ging.

 

Himmelstor

Der Himmel, marmoriert,

Verdeckt von dunklen Wolken.

 

Himmelstor.

Blaue Streifen an einem bewölkten Himmel.

Er sagt das Wort, hält meine Hand.

Ich sehe hinauf

– Damit ich ihn nicht ansehen muss.

 

Ja –

sage ich.

Ja.

 

Ich fühle seinen Blick. Weiß was er denkt.

Fühle dasselbe,

für jemand anderen.

 

Was denkst du?

Wie es wäre dich zu küssen.

 

Ich sehe wieder hinauf.

Es ist kein einziger blauer Streifen zu sehen.